Der tote Punkt der Kirche

Vor wenigen Tagen, am 4. Juni, gab Kardinal Marx, Erzbischof von München, bekannt, dass er von allen seinen Ämtern zurücktreten will und in dieser Angelegenheit an den Papst geschrieben habe. Marx gilt als eine der mächtigsten Personen der katholischen Kirche in Deutschland. Entsprechend schlug diese Nachricht innerhalb wie außerhalb der Kirche wie eine Bombe ein.

Das Rücktrittsgesuch, das Marx veröffentlichte, hat durchaus Sprengstoff. Als wesentlichen Grund sieht er den Umgang mit dem Thema Missbrauch – sowohl durch ihn persönlich als auch durch die Katholische Kirche. Die letzten zehn Jahre, so Marx, „zeigen für mich durchgängig, dass es viel persönliches Versagen und administrative Fehler gab, aber eben auch institutionelles oder ‚systemisches‘ Versagen“. Dieses Versagen würden „manche in der Kirche“ nicht wahrnehmen wollen und daher jede Veränderung blockieren. Ihm gehe es darum, mit diesem Rücktritt persönliche Verantwortung als Amtsträger der Kirche wahrzunehmen.

Dann folgen Sätze, die durchaus als Wink mit einem ganzen Zaun an andere Amtsträger wahrgenommen werden können:

„Um Verantwortung zu übernehmen reicht es aus meiner Sicht deshalb nicht aus, erst und nur dann zu reagieren, wenn einzelnen Verantwortlichen aus den Akten Fehler und Versäumnisse nachgewiesen werden, sondern deutlich zu machen, dass wir als Bischöfe auch für die Institution Kirche als Ganze stehen.“

Was passiert da gerade in der Katholischen Kirche?

Vor wenigen Wochen war ein befreundetes Paar mehrtägig bei uns zu Besuch in Rotterdam. Leidiges Thema: Besuch = mehr schmutziges Geschirr.

Am Morgen schwang ich mich entgegen der Erwartungen aller auf und fing noch vor dem Frühstück an, das Geschirrproblem zu beseitigen. Die Bekannte, die bei uns zu Gast war, kam gerade vom morgendlichen Laufen wieder, sah mich fleißig in der Küche und entschuldigte sich, dass sie nicht geholfen hätte. Sie würde sich möglichst schnell revanchieren. „Kein Problem“, sagte ich, „ich kann auch gut eine Weile mit Deinen Gewissensbissen leben.“ Dann folgte eine sehr kluge Antwort: „Das ist sehr katholisch!“

Wir wollen jetzt nicht lange darüber nachdenken, wie sehr ich bewusst und unbewusst von meiner katholischen Vergangenheit geprägt bin. Wichtig ist hier die treffende Beobachtung eines bisherigen Prinzips der katholischen Kirche durch meine Bekannte: die Sünde nicht zu bekämpfen, sondern sich zunutze zu machen.

Vergehen von Amtsträgern wurden nicht oder eben nicht zureichend geahndet. Aus Sorge um das Ansehen der Kirche entstand eine Kultur des Versetzens und Wegsehens. Die nebenbei auch noch die Konsequenz hatte, dass die zwar intern bekannten, aber aus Gründen der „Barmherzigkeit“ nicht geahndeten Fehler Bindungen innerhalb der Amtshierarchie stärkten: ein Priester, dessen Vergehen bekannt waren, aber nicht vom Bischof geahndet wurden, fühlte sich diesem gegenüber natürlich mehr verpflichtet als je zuvor. Zumal im Fall der Fälle die Barmherzigkeit schnell zu Ende sein konnte. Die gegenseitige Abhängigkeit wird gestärkt. Der Apparat wird immer kompakter. Die Sünde nicht bekämpfen, sondern sich zunutze machen.

Die kirchliche Hierarchie wird nach innen immer gefestigter und abgeschotteter. Und nach außen? Interessiert nicht.

Was im System der Kirche fehlte und fehlt, ist die externe Kontrolle. Ein Unternehmen wird durch den Markt kontrolliert. Wenn die Fehler des Managements überhandnehmen, muss es ausgetauscht werden, weil das Unternehmen sonst wirtschaftlich kaputt geht. Die Politik wird durch den Wähler kontrolliert. Wenn Fehler der Politiker überhandnehmen, werden sie abgewählt.

Was ist die externe Kontrolle der Kirche?

Offiziell und früher besser funktionierend: Gott. Das klingt jetzt sehr spirituell und fromm, ist aber sehr konkret gemeint. Wenn ein Amtsträger der Kirche an Gott glaubt und auch daran, sich nicht nur vor seinem direkten Vorgesetzten, sondern irgendwann auch vor seinem Herrgott verantworten zu müssen, werden gewisse Fehler nicht passieren. Ganz offensichtlich ist diese spirituelle Bindung an Gott nicht mehr im früheren Ausmaß vorhanden. Auch da war nicht alles Gold, was glänzte, aber die schweren Verfehlungen von Amtsträgern haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich vermehrt.

Wenn die spirituelle Spannkraft aller Gläubigen in der Kirche nachlässt, dann geht das offensichtlich auch an den Amtsträgern der Kirche nicht spurlos vorüber, die sich ja aus den Gläubigen rekrutieren. Fragen wir mal so:

Ist es denkbar, dass ein Pfarrer daran glaubt, dass er sich irgendwann vor seinem Gott verantworten muss, wenn er schutzbefohlene Kinder jahrelang missbraucht?

Handelt ein Bischof gegenüber seinem Gott korrekt, wenn er einen solchen Pfarrer in eine neue Pfarrei versetzt, wo die Vorwürfe nicht bekannt sind? Im Wissen darum, dass es neue Opfer geben wird?

Man kann jetzt lange darüber spekulieren, wie und warum genau diese spirituelle Spannkraft vieler Amtsträger nicht mehr vorhanden ist: das Ergebnis ist eine Kirche, die sich zu wenig von außen kontrolliert fühlt. Das Ergebnis ist eine kirchliche Hierarchie, die in weiten Teilen um sich selbst kreist und der es um den eigenen Machterhalt geht. Das ist eine logische Konsequenz einer Institution bzw. einer Gruppe von Führungspersonen, die sich nicht kontrolliert fühlt.

Da eine so geleitete Kirche aus diesen Strukturen heraus überhaupt keine einschneidenden Reformen durchführen kann, kommt Kardinal Marx in seinem Brief zu der erschütternden Diagnose:

„Die Krise ist auch verursacht durch unser eigenes Versagen, durch unsere eigene Schuld. Das wird mir immer klarer im Blick auf die katholische Kirche insgesamt, nicht nur heute, sondern auch in den vergangenen Jahrzehnten. Wir sind – so mein Eindruck – an einem gewissen ‚toten Punkt‘.“

Dieser Punkt ist die Formulierung einer absoluten Ratlosigkeit und des Wissens, als Kirche bzw. als hierarchisch geleiteter Kirche keine Ideen zu haben, wie man aus der aktuellen Sackgasse herauskommt.

Der tote Punkt

Mit seinem Rücktrittsgesuch hat Kardinal Marx ein deutliches Ausrufezeichen in Richtung seiner Amtsbrüder gesetzt. Was der Papst oft als „Klerikalismus“ gebrandmarkt hat („Der Klerikalismus ist die wahre Perversion der Kirche.“), wird von Kardinal Marx nun deutlicher als systemisches und strukturelles Versagen der Kirche öffentlich gemacht. Es ist die brutale Frage eines der höchsten Amtsträger an sich und an seine eigene Kirche, wie ernst sie eigentlich noch ihre eigene Botschaft nimmt, wenn diese Dinge in ihr über viele Jahrzehnte geschehen konnten.

Diese Anklage deckt sich mit der Anklage gerade konservativer Kreise, dass die Kirche untergeht, weil sie nicht mehr spirituell genug ist, was so gedeutet wird: weil sie ihre alten Werte verraten hat. Das Problem hierbei besteht darin, dass genau diese von den alten Werten geprägte Spiritualität die autoritären Strukturen hervorgebracht hat, die zum Problem geworden sind.

Man kann das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Unabhängig davon, wie gut oder schlecht diese alten Werte gewesen sind: sie funktionieren nicht mehr und jeder Versuch, sie gegen das allgemeine Wertegefühl einer Gesellschaft – und damit der Gläubigen – durchsetzen zu wollen, stärkt die autoritären Strukturen, die zur Zeit die Wurzel des Übels sind. Die Kirche steht in der Tat an einem toten Punkt.

Ein Blick nach vorne

Kardinal Marx hat mit seinem Rücktrittsgesuch den Druck auf einige Amtsträger erhöht, ebenfalls zurückzutreten. Dies gilt besonders für den Kölner Kardinal Woelki, der in seinem Bistum sehr umstritten ist und von Marx und vielen anderen als Bremse notwendiger Reformen wahrgenommen wird. Indem Marx seinen Konkurrenten Woelki mitnehmen will, will er der Katholischen Kirche in Deutschland einen personellen Neustart ermöglichen – ohne die bisherigen Platzhirsche Marx und Woelki.

Ob dieses Kalkül aufgehen wird, ist völlig offen. Woelki hat sehr schnell klargemacht, dass er nicht zurücktreten will. Zur Zeit sind zwei päpstliche Beauftragte in seinem Bistum mit Ermittlungen beschäftigt. Das Ergebnis dieser Ermittlungen ist völlig offen, kann aber durchaus Bewegung in die Personale Woelki bringen.

Letztlich muss man jedoch feststellen, dass selbst ein personeller Neustart der Katholischen Kirche in Deutschland die strukturellen Probleme nicht ändern wird. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Bätzing aus Limburg, hat vor einigen Tagen zu Recht das Problem in der Kontrolle der Amtsträger erkannt. Er forderte ein „Vier-Augen-Prinzip“ in der kirchlichen Hierarchie.

Auch dieses würde das grundsätzliche Problem der Kontrolle der Hierarchie nicht lösen. Das eine sind die handelnden Personen, das andere der Rahmen, in dem sie handeln (dürfen). Es wäre keine Kontrolle, die Anzahl der handelnden Personen zu erhöhen, es geht um den Rahmen, in den das kirchliche Amt zukünftig enger eingebunden sein muss.

Hier müssen zwei Instanzen eine zentrale Rolle spielen:

  • Die „normalen“ Gläubigen: die Kirche spricht zwar immer wieder von der priesterlichen Dimension des „Volkes Gottes“, außer Lippenbekenntnissen und faktisch machtlosen Gremien ist aber nicht viel passiert. Wie in den ersten Jahrhunderten der Kirche üblich, müssen die Gläubigen das Amt kontrollieren können: wer wird Bischof, wer wird Pfarrer … und wer soll es nicht mehr sein.
    Der zur Zeit in Deutschland laufende „Synodale Prozess“ wird hier sicherlich Akzente setzen wollen, ob die in Rom genehmigt werden, ist allerdings offen. Und damit sind wir beim Kern des Problems und der Stellung der normalen Gläubigen.
  • Das Recht: das Kirchenrecht ist ein vorzüglicher Rechtskodex, uraltes, schönes, römisches Recht. Das Problem: das Amt steht über dem Recht. Es ist immer eine Ebene vorgesehen, in der ein Amtsträger sich nicht an das Recht halten muss, sondern „Barmherzigkeit“ walten lassen kann. Selbst grobe Rechtsverstöße von Amtsträgern und sogar päpstlichen Behörden können nirgendwo effektiv verklagt werden, weil letztlich das höchste Amt – der Papst – das Recht ist. Entsprechend gibt es kein Verfassungsgericht oder ähnliche Instanzen, die auf die Stringenz des Rechtssystems wachen. Hier muss das Amt sich zukünftig dem Recht unterordnen, um die Kirche zu einem „gerechten“ Ort zu machen.

Die Kirche befindet sich in der Tat an einem toten Punkt. An den ist sie – wie Marx zu Recht bemerkt – aus eigener Schuld gelangt. Nun ist es an ihr, diese Verantwortung wahrzunehmen – personell wie strukturell und mit eigener Kraft – wie Marx hofft – aus dem toten Punkt einen positiven Wendepunkt zu machen. Ob der Kirche das gelingt, ist noch offen.

Compliance: Wertemanagement

Philosophen und auch Theologen denken viel und intensiv über Werte nach: an welchen Werten orientieren sich Menschen, wenn sie handeln, welche Werte sind gut, welche sind schlecht, welche sind tragfähig, welche vollkommen nutzlos oder sogar schädlich?

Worüber sich Philosophen und Theologen eher weniger Gedanken machen und was dann eher von der Soziologie oder schließlich von den Rechtswissenschaften behandelt wird: wie setzen sich bestimmte Werte eigentlich durch? Und wie kann ich diese Durchsetzung beeinflussen?

Diese Frage ist überaus wichtig für eine Gesellschaft im Ganzen, aber auch für einzelne Unternehmen: wenn ich will, dass bestimmte moralische Werte im Unternehmen nicht nur als bloße aufgelistete Absichtserklärung an der Wand hängen, sondern auch wirklich gelebt und umgesetzt werden.

Compliance und Wertemagement

Das sog. „Compliance“-Management regelt Umsetzung und Einhaltung ethischer Wert und ist selbstverständlicher Bestandteil der internen Abläufe eines Unternehmens. Um besser zu verstehen, was „Compliance“-Management ist (und was es nicht ist!), muss man einen Blick auf das „Wertemanagement“ als Ganzes werfen.

Das „Wertemanagement“ entstand in den 1980er Jahren in den USA. Die Moral wurde immer klarer als Bestand der Identität eines Unternehmens gesehen. Im Unterschied zu „Ethik“ sind „Werte“ konkret, daher sprach man von einem „Werte“- und nicht von einem „Ethik“-Management.

Eine wichtige inhaltliche Begründung für die Entwicklung des Wertemanagements lieferte Josef Wieland (geb. 1951).

Wieland ging von zwei verschiedenen theoretischen Grundlagen aus, der Systemtheorie von Niklas Luhmann (vgl. ) sowie der Neuen Institutionenökonomie von Oliver E. Williamson, die in einer „Transaktionskostentheorie“ versucht zu klären, warum bestimmte Aktionen wie teuer sind.

Unterm Strich ging es Wieland darum, Ethik als wirtschaftliche und technische Größe erfassen und bearbeiten zu können.

Vor allem Luhmann war hier wichtig. Luhmann hatte die Gesellschaft als Zusammen verschiedener Systeme begriffen, die jeweils unterschiedliche Eigenlogiken haben und aufeinander einwirken. Die verschiedenen Systeme haben unterschiedliche „Währungen“, durch die sie aufeinander einwirken: in der Wirtschaft ist es das Geld, in der Wissenschaft die Wahrheit.

Wieland greift diese Theorie auf und sieht in der Moral ein eigenes System, das nach der Währung „gut“ – „schlecht“, bzw. „Achtung“ – „Missachtung“ funktioniert. Entsprechend muss bei der Moral ähnlich wie bei den anderen Systemen geschaut werden: wie findet moralische Kommunikation statt? Worauf reagiert Moral wie? Welche Anreize gibt es bzw. welche Werte, die Anreize schaffen?

Entsprechend geht es für ein Unternehmen darum, Strukturen und Mechanismen herauszubilden, die eine gute gelebte Moral hervorbringt.

Compliance Management System

Hier setzt das „Werte-Management“ an, das nach innen das Handeln des Unternehmens auf eine ethische Grundlage stellen soll und nach außen Vertrauen und Seriosität herstellen soll. Wieland beschreibt insgesamt vier Bausteine des Wertemanagements bzw. des „Compliance Management Systems“:

1. Kodifizieren

Das Unternehmen definiert die Werte, die sein Profil und seine Identität bestimmen. Hierbei ist es wichtig, dass diese Werte keine Phantasiegrößen sind, sondern sich möglichst eng an der gelebten Realität des Unternehmens befinden. Solche „Codes of Ethics“ sind mittlerweile Standards der Unternehmen. Diese Werte beschreiben nicht den Ist-Zustand des Unternehmens, aber seine realistischen Handlungspräferenzen: wie es ethisch handeln will und worauf sich interne wie externe Stakeholder verlassen können.

2. Implementieren

Das Unternehmen erstellt Leitlinien für Verhaltensstandards. Es wird geregelt, welche Kriterien der Personalauswahl und der Karriereplanung zugrundliegen, wie mit Geschenken umgegangen werden soll, wie man sich dem Kunden gegenüber verhält usw. Hierbei ist es wichtig, konkrete und verbindliche Regeln aufzustellen. Die Werte in Schritt 1 sind noch nicht konkret, hier werden sie nun konkret mit klaren Handlungsanweisungen. Hier können sie zur guten und gelebten Routine eines Unternehmens werden.

3. Systematisieren

Die Leitlinien von Schritt 2 werden systematisiert und ins HR Management (Human Resources) integriert. Die verschiedenen Leitlinien und Verfahren werden in Programmen zusammengefasst und als Compliance- oder als CSR-(Corporate social responsibility)Programme veröffentlicht. Effektive Instrumente werden benannt und in Gang gesetzt, durch die die Durchsetzung der Leitlinien dauerhaft gelingt.

4. Organisieren

Das bisher auf dem Papier (oder auf dem Bildschirm) Stehende wird noch einmal konkreter durch die Organisationsebene. Ethik- und Compliance-Beauftrage werden benannt, welche die Umsetzung der Programme überwachen. Daneben ist die Vorbildfunktion der Leitungsebene von entscheidender Bedeutung, die sich klar zu den Werten bekennen muss und sich auch entsprechend verhalten muss.

Diese vier Schritte stellen ein funktionierendes Wertemanagement eines Unternehmens dar. Kurz zusammengefasst, ist es das Zusammen folgender notwendiger Faktoren: es muss realistische Werte geben, diese müssen konkret in Handlungsanweisungen übersetzt werden, diese müssen effektiv kontrolliert und durchgesetzt werden und am Schluss müssen Menschen diese Werte durchsetzen und für sie einstehen.

Fällt auch nur einer dieser Schritte weg, muss das Wertemanagement scheitern. Ein guter Wertekodex ohne Instrumente der konkreten Umsetzung wird zu einem Luftschloss, Compliance-Instrumente ohne Werte im Hintergrund zu einem Tyrannen.

Mit anderen Worten: die Ethik in einem Unternehmen braucht den Philosophen UND den Juristen.

Katholische Kirche und DFB – Mechanismen der Krise

Am letzten Dienstag verlor die Deutsche Nationalmannschaft ihr entscheidendes Spiel in der „Nations League“ gegen Spanien. Mit 0:6. Ein historische Desaster.

Joachim Löw (Quelle: www.wikipedia.org)

Die Reaktion des DFB? Erst einmal gar keine. Dann hieß es, man will prüfen. Wie man auch in den letzten Jahren nach anderen historischen Pleiten geprüft und anschließend einen Neuaufbau angekündigt hat.

In den letzten Jahren versinkt der Deutsche Fußballbund in einem tiefen Morast aus sportlicher Erfolglosigkeit, Korruptionsvorwürfen und internem Theater. Das sonst mehr als gewogene deutsche Fußballpublikum wendet sich ab. Zuerst polternd, dann gelangweilt und resigniert.

Reaktion des DFB? Man will prüfen.

Der Deutsche Fußballbund ist jedoch nicht die einzige Institution, die gerade in den letzten Tagen ein dickes Eigentor geschossen hat: der Kölner Erzbischof, Kardinal Woelki, kündigt an, das über sein Bistum angefertigte Gutachten, das sich mit den Missbrauchsfällen der letzten Jahrzehnte befasst, entgegen früherer Ankündigungen nicht zu veröffentlichen. Dass dabei die Vertreter der Opfer ihre Zustimmung geben sollten, ohne das Gutachten auch nur gelesen zu haben, ist nur noch ein Nebenschauplatz dieser traurigen Posse.

Kardinal Woelki (Quelle: www.wikipedia.org)

Die Öffentlichkeit reibt sich verwundert die Augen angesichts dieses völligen Unwillens, eigenes Unrecht aufzuarbeiten und transparent zu machen.

Seit Jahren geht es so. Die Deutsche Bischofskonferenz beauftragt eine wissenschaftliche Untersuchung der Missbrauchsfälle in den deutschen Bistümern und macht dann das, was man sich eigentlich nicht vorstellen kann: bricht diese Untersuchung ab mit der Begründung, dass es ja nicht angehen könnte, dass die Wissenschaftler ein Ergebnis veröffentlichen, das nicht vorher abgesprochen sei.

Nicht nur ein kommunikatives, sondern auch ein inhaltliches 0:6 der Katholischen Kirche.

Die Katholische Kirche und der DFB sind sich sehr ähnlich. Zwei Giganten taumeln ihrem Untergang entgegen. Der Zuschauer weiß nicht genau, ob die beiden überhaupt richtig gemerkt haben, was da mit ihnen passiert. Sie taumeln dem Untergang entgegen und scheinen beide in einer Schockstarre nicht reagieren zu können. Weshalb der Untergang weitergeht. Mal laut, mal leise.

Ich selbst war die meiste Zeit meines Lebens sehr tief mit diesen beiden Giganten verbunden: als Priester der katholischen Kirche und als Fan der deutschen Nationalmannschaft. Mittlerweile habe ich beiden Institutionen gegenüber ein sehr distanziertes Verhältnis, das geprägt ist von Erstaunen und Unglauben über diesen Unwillen, überhaupt zu reagieren.

Natürlich hat die Kirche in meinem Leben auf einer ganz anderen Ebene eine andere Bedeutung gehabt als der DFB. Trotzdem lohnt sich ein gemeinsamer Blick auf die beiden, weil in beiden die gleichen unheilvollen Mechanismen am Werk sind.

Ein Blick auf zwei untergehende Giganten.

Welche Faktoren sind es, die hier am Werk sind?

Grundsätzlich befinden sich die Katholische Kirche und der DFB in einem Monopol. Sie sind beide einmalig und haben eigentlich keine Konkurrenz. Natürlich gibt es auch eine Evangelische Kirche und natürlich gibt es auch andere Sportarten, aber das spielt für die beiden Monopolisten eigentlich keine große Rolle. Auch weil die Konkurrenz nicht besser dasteht. Entsprechend wandern die untreuen Katholiken und Fußballfans nicht zur Konkurrenz, sondern legen ihre Hände in den Schoß: der Kirchgang bzw. die Kirchensteuer fällt weg. Der Fußballabend mit Jogi auch.

Dies lässt das Monopol intakt erscheinen und macht es für den Monopolisten schwer, den Punkt zu erkennen, an dem man reagieren muss. Entsprechend geht es dann weiter.

Was passiert dann?

Phase 1: Macht nichts!

Zuerst kommt die „Macht nichts!“-Haltung. Gut, die Zahlen gehen runter, das kann passieren, hat es immer schon gegeben. Das wird wieder besser. Unser Produkt stimmt ja eigentlich.

Wenige Tage vor dem Spanienspiel gab der DFB-Sportmanager Bierhoff ein Interview. Tenor: eigentlich passt doch alles. Die guten Ergebnisse werden schon wiederkommen. In der katholischen Kirche gibt es seit Jahrzehnten immer wieder die Meinung: unsere Botschaft stimmt ja, es wird wieder aufwärts gehen. Und wenn nicht: geht auch. So schlimm wird es schon nicht werden.

So äußerte der damalige Kardinal Ratzinger in einem Interview mit einem Blick auf Deutschland, dass es eben passieren könnte, dass die Kirche in einem Land mal untergeht. Oder der damalige Essener Kardinal Hengsbach, der auf die leeren Kirchen angesprochen wurde: „Bitte? Ich habe noch keine leere Kirche gesehen. Wenn ich komme, ist die Kirche voll!“ Zum einen geht die Kirche nicht unter, und wenn ja, ist es auch nicht schlimm.

Phase 2: Verschleiern

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem die Institution merkt, dass die Krise doch etwas heftiger ausfällt als erwartet und man reagieren muss. Also reagiert man. Ohne zu reagieren. Getreu dem berühmten Motto aus „Der Leopard“: alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist.

Es werden Änderungen angekündigt oder auch durchgeführt, die die Leute zufriedenstellen sollen, aber nichts an der Problemlage ändern. Dann wird mal wieder ein DFB-Präsidium wegen Korruption entlassen oder Franz Beckenbauer wird ein Jahr im Fernsehen nicht interviewt. Aufarbeitung der Korruption? Fehlanzeige.

Dann tritt ein Bischof zurück wegen etwas üppiger Bauvorhaben, bekommt aber direkt den nächsten guten Posten in der Zentrale. Dann werden große Untersuchungen zu Missbrauchsfällen angekündigt, die entweder gestoppt oder nicht veröffentlicht werden. Dann werden in Rom große Kommissionen eingerichtet, Reformen in der Kirche voranzutreiben, von denen man nie wieder etwas hört.

Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist.

Phase 3: Internes Zerreißen

Natürlich kann die Phase „Verschleiern“ nicht ewig dauern. Vielen wird klar: so geht es nicht weiter! Die Medien entdecken immer mehr unschöne Dinge, auch intern wird der Druck immer größer. Nun kommt die Phase des „Internen Zerreißens“: oben kämpft gegen unten, rechts kämpft gegen links, jeder gegen jeden. Beim DFB gehen die Landesverbände und die Amateurvereine an die Decke, in der katholischen Kirche zerfleischen sich Konservative und Liberale, Kleriker und Laien schieben sich die Schuld an der Krise zu.

Phase 4: Ändern oder Untergehen

Die Phase des „Internen Zerreißens“ kann zu zwei Dingen führen: der Laden fliegt komplett auseinander – es kommt zur Spaltung oder Auflösung – oder er reformiert sich. Wie es bei Sportverbänden schon Spaltungen gegeben hat, ist dieses Thema natürlich auch in der katholischen Kirche nicht völlig fremd. Martin Luther lässt grüßen.

Beide Institutionen – DFB wie Katholische Kirche – stehen an einem wichtigen Scheidepunkt. Folgendes ist inhaltlich in den letzten Jahren an der Spitze passiert: die Führungseliten beider Institutionen haben erkannt, dass es ein noch deutlicheres Signal zum Reformwillen braucht. Also wurde interessanterweise in beiden Institutionen eine Person an die Spitze gewählt, die sich sehr ähnlich sind: Papst Franziskus wie DFB-Präsident Fritz Keller waren nie Teil des internen Führungszirkels, gelten als reformorientiert, sind aber gleichzeitig nicht in der Lage, schwerwiegende strukturelle Reformen durchzuführen.

Die Wahl dieser beiden ist also durchaus eine Verlängerung der „Verschleierungstaktik“ der führenden Eliten in den beiden Institutionen. Was aber nun passiert – und so bestimmt nicht geplant war – Papst Franziskus und Fritz Keller reformieren zwar nicht strukturell ihre Institutionen, aber sie schaffen durch ihren offenen, nicht eingreifenden Führungsstil neue Diskussionsräume, die sich für ihre Nachfolger nicht mehr schließen lassen und langfristig zu dem Druck führen können, echte Reformen anzugehen.

Es ist wahrscheinlich, dass sich bei den nächsten Wahlen die alten Eliten noch einmal durchsetzen, um wieder „für Ruhe zu sorgen“. Durch die neue, offene Diskussionskultur wird das aber nicht mehr möglich sein. Dann entscheidet sich, in welche Richtung sich die Institution entwickelt: Ändern oder Untergang. Dann kommt entweder die Zeit tiefgreifender Reformen oder der Absturz.

Katholische Kirche und DFB

Die oben beschriebenen Phasen laufen natürlich nicht immer so klar und deutlich voneinander abgrenzbar ab. Es gibt Teile des DFB oder der Kirche, die sind schon bei Phase 4 (dann treten sie aus) oder bei Phase 2. Diese Phasen verschwimmen oft und diese Ungleichzeitigkeiten befeuern natürlich die Konflikte.

Letztlich leiden beide Institutionen daran, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse so geändert haben, dass Reformen nötig sind, um die alte gesellschaftliche Größe und Bedeutung zu erhalten. Beide Institutionen werden von einer Führungsschicht geleitet, die nicht von außen eingesetzt wird (wie in der Politik durch Wahlen oder in der Wirtschaft durch den Markt), sondern intern sich selbst erneuert: Kooptation.

Dies führt zu einer Elite, die logischerweise konservativ ist, insofern sie den Status quo der Institution (und dabei auch ihren eigenen) bewahren will. In bestimmten Mechanismen lädt sich Druck auf, den die führenden Leiter der Institutionen schrittweise entladen wollen. Was auf Dauer nicht funktioniert.

Es ist schwer, Prognosen für die beiden Institutionen abzugeben. Dazu braucht es nicht nur eine genaue Analyse des Problems. Die liegen seit Jahren – im Falle der katholischen Kirche seit Jahrzehnten – auf dem Tisch. Die Frage ist, ob diese Analysen auch in der Führungsetage der Institutionen als gültig anerkannt  werden, damit tiefgreifende Reformen möglich sind, die die Probleme auch lösen, die zur Krise führen.

Letztlich ist es leider ein schnöde Machtfrage. Es geht nicht um die Inhalte (die liegen auf dem Tisch), sondern um die Macht, über Inhalte zu entscheiden. Das Ergebnis in beiden Institutionen wird ganz wesentlich davon abhängen, ob die „Reformer“ den Durchhaltewillen und die Durchsetzungsfähigkeit haben, diesen Kampf für sich zu entscheiden. Dazu braucht es vor allem mehr Organisationfähigkeit als bisher, weil die logischerweise immer mehr in der Führungsschicht der Institition vorhanden ist.

Beide Institutionen sind aufgrund ihrer Monopolstellung Sonderfälle. Dies gilt natürlich in besonderer Weise für die Katholische Kirche mit ihrer Größe und ihrer Geschichte. Die Mechanismen, denen sie aber unterliegen, sind in jedem Unternehmen, Verband, Verein und jeder Partei vorhanden. Überall geht es darum, wer wie Entscheidungen für die gesamte Gruppierung treffen kann, wie Veränderungen durchgeführt oder verhindert werden.

Jedes Unternehmen und jede Gruppierung braucht die gesunde Balance zwischen einer ausreichenden Veränderungsbereitschaft, aber auch dem Wissen um eine eigene, nur schwer veränderbare Identität, ein Profil. Was Teil der Identität ist und was verändert werden muss: die Fähigkeit, das zu erkennen, entscheidet über das Leben eines Unternehmens oder eines Vereins. Und diese Fähigkeit wird auch über das Leben des DFB und der katholischen Kirche entscheiden.

Interview

Herr Müller, Sie hatten die Idee, das Thema „Christliche Werte“ für Unternehmen anzubieten. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Ich arbeite nun schon seit mehr als 30 Jahren als Theologe in der sogenannten „freien Wirtschaft“. In dieser Zeit hat sich viel gewandelt im Bereich Marketing, Vertrieb, Unternehmenskultur, Führung, Mitarbeitermotivation und vieles andere mehr. Da habe ich viele Moden kommen und gehen sehen. Die meisten kamen schnell und waren noch schneller wieder verschwunden. Zurzeit stehen Themen wie „Agilität“, „Digitalisierung“ u.a. im Vordergrund. Hier wird sich viel verändern in den Unternehmen. Das verunsichert die Menschen massiv. Die „christliche Werte“ hingegen sind eine quasi überzeitliche Konstante. Sie betreffen nicht Strukturen, sondern sie betreffen den Umgang der Menschen miteinander. Ich habe in meinem Arbeitsleben erfahren, dass das konkrete „Leben“ christlicher Werte den Unternehmen und ihren Mitarbeitern gutgetan haben. Ökonomisch wie menschlich. Dazu kommt, dass ich als Moraltheologe auch die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Werte kenne und auch von hier her begründen kann, warum sie praktikabel und nützlich sein können.

Herr Rasche, auf die Anfrage von Herrn Müller hin haben Sie sich schnell entschlossen, mitzumachen. Was waren Ihre Beweggründe?

Zuerst natürlich der Grund, dieses Thema sehr gut zu kennen und auch darum zu wissen, dass es in unserer Gesellschaft einen großen Bedarf an ethischer Orientierung gibt. Das Christentum hat hier eine Botschaft, die immer noch ein sehr großes Potential entfalten kann. Wir müssen uns nicht über die Schwächen des Christentums unterhalten. Die aktuelle Krise der beiden großen christlichen Kirchen ist ja kein Zufall. Trotz allem gehört das Christentum zur kulturellen DNA Europas. Europa wurde ganz entscheidend vom Christentum mitgebaut. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass eine Orientierung an diesen christlichen Wurzeln sehr viel Gutes bewirken kann, nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Wirtschaft.

Sie waren viele Jahre katholischer Priester. Wie muss man sich Ihre Haltung gegenüber dem Christentum jetzt vorstellen? Enttäuscht oder noch immer begeistert und missionarisch?

Weder noch. Ich war 15 Jahre als katholischer Priester tätig. Diese Zeit war überwiegend sehr schön und trotzdem habe ich natürlich auch vieles in der christlichen Praxis kennengelernt, das mich immer mehr von meinem Beruf als Priester und auch von der Kirche distanziert hat. Ich bereue diese 15 Jahre nicht, aber ich habe eine bewusste Entscheidung getroffen, das Priesteramt aufzugeben. Ich hasse die Kirche nicht, weil sie mir eine Zeit meines Lebens geraubt hätte, aber ich missioniere auch nicht für sie. Es geht mir nicht um Mission, sondern um Information.

Wenn Sie nicht missionieren, worum geht es Ihnen dann?

Ich vertrete ein bestimmtes Menschenbild, das vom Christentum und von der Europäischen Aufklärung geprägt ist. Das Christentum beschreibt den Menschen in seiner unverlierbaren Würde, die Europäische Aufklärung beschreibt den Menschen als Wesen, das in der Lage ist, selbstbestimmt zu leben und seine Vernunft zu gebrauchen. Als Priester und als Professor für Philosophie bin ich mit beiden Traditionen mehr als vertraut: Ich habe sie erforscht, gelehrt und gelebt. Und das möchte ich weitergeben, weil diese Traditionen auch heute wichtige Orientierung geben können: gesellschaftlich wie unternehmerisch.

Herr Müller, Sie haben ja mehrere Jahre im Marketing gearbeitet. Sind christliche Werte marketingtauglich?

Eine Binsenweisheit des Marketings lautet „All business is personal“. Es geht um die Menschen und ihre Bedürfnisse. Wer erfolgreich Marketing betreiben will, muss die Bedürfnisse seiner Kunden kennen. Das Christentum wäre nie zur Weltreligion geworden und hätte nie 2000 Jahre überlebt, wenn es nicht elementare menschliche Bedürfnisse angesprochen hätte. Als Petrus der erste „Papst“ in Rom wurde, saßen noch die römischen Kaiser auf dem Thron. Inzwischen haben wir tausende von Herrschern weltweit erlebt – und in Rom sitzt immer noch der Papst auf dem Stuhl Petri. Wenn also eine Institution erfolgreich Marketing betrieben hat seit 2000 Jahren, sind das die christlichen Kirchen, die die menschlichen Bedürfnisse global und zu allen Zeiten erfolgreich angesprochen haben. Und sie sind immer noch erfolgreich. Man darf den gegenwärtig kümmerlichen Zustand der Kirchen in Europa nicht auf die Weltkirchen übertragen. In anderen Ländern und Kontinenten wächst die Kirche weiterhin.

Herr Müller, was ist dann genau der Inhalt, auf den es ankommt? Was macht den „Erfolg“ der christlichen Werte aus?

Die Kernbotschaft des Evangeliums ist die Nächstenliebe. Das ist die Basis jeder christlichen Ethik. Und es ist die Basis für das, was ich „gelingendes Miteinander“ nennen möchte. Das gilt im Arbeitsleben wie im Privatleben. „Nächstenliebe“ klingt ein wenig dick aufgetragen, aber dahinter steht die Grundoption, seinem Mitmenschen auf Augenhöhe zu begegnen, ihn als Menschen nicht abzuwerten, ihm empathisch zu begegnen. Im beruflichen Kontext bedeutet dies ein Miteinander mit gegenseitiger Achtung, gegenseitigem Vertrauen, Verantwortung füreinander, Ehrlichkeit im Umgang und das, was wir Theologen „Vergebung“ nennen. Wem das zu hoch gegriffen erscheint, der kann es auch Konfliktgestaltung nennen. Im 18. Kapitel des Matthäusevangeliums wird das sehr anschaulich beschrieben: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich,
dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde“. Setzen Sie das mal in einer Firma um! Dann sind sie schon sehr weit!

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Ethik des Coachings

Coaching ist omnipräsent. Es geht um die Steigerung der Leistungsfähigkeit und der Kompetenzen von Mitarbeitern oder Führungskräften, um die Entwicklung der Persönlichkeit, um die Entfaltung neuer Potentiale.

Dass das Coaching eine ethische Dimension hat, dürfte relativ unumstritten sein. Normalerweise wird die vorrangig bei dem verortet, der gecoacht wird: wie kann er besser ethische Werte vermitteln, an welchen Werten orientiert er sich eigentlich selbst, unter welchen Werten leidet er usw.

Mindestens genauso wichtig ist allerdings die ethische Einstellung des Coaches selbst. Und dabei geht es nicht nur darum, Mandanten abzulehnen, die Waffen produzieren oder ein Bordell besitzen, sondern ganz prinzipiell darum, welches Menschenbild der Coach eigentlich hat und wie dieses Menschenbild sich im Coachingprozess abbildet.

Natürlich hat jeder Coach auf seiner Homepage stehen, dass es ihm um den Menschen geht, dass er den Menschen helfen will, mit seinen Problemen fertig zu werden, dass es ihm um das Wohlergehen der Menschen geht usw.

Aber was heißt das? Es gilt, genauer hinzuschauen.

NLP – Neuro-Linguistisches Programmieren

Nehmen wir die wohl zur Zeit im Coaching-Bereich die am weitesten verbreitete Methode, das „Neuro-Linguistische Programmieren“ (NLP). Bereits an dem Titel des Coachings taucht ein sehr grundsätzliches Problem auf, das ethisch durchaus heikel ist:

Was heißt denn „Programmieren“?

Welches Menschenbild habe ich eigentlich, wenn ich glaube, man könnte einen anderen Menschen „programmieren“?

Sehe ich im anderen Menschen eine Maschine, die ich in einer bestimmten Weise „programmieren“ kann, damit sie wieder effizient arbeitet? Das Wort „Programmieren“ mag ja in vielseitiger Weise deutbar sein, eines ist aber eindeutig: dasjenige, was etwas einprogrammiert bekommt, ist nur ein Ding, das einen neuen Inhalt, eine neue Software erhält, “aufgespielt” bekommt.

Zu drastisch?

Das „Neuro-Linguistische Programmieren“ hat ja bereits im Titel verankert, worum es geht: um die Annahme, dass Vorgänge im Gehirn (Neuro) durch die Sprache (linguistisch) programmiert werden können.

Es ist unumstritten, dass die Sprache große Macht über unser Denken hat, aber was heißt das denn, dass ich durch die Sprache mein Denken umprogrammieren kann? Verändern: ja. Aber „umprogrammieren“? Geht das immer?

Alles ist erlernbar.

Der Dachverband des NLP ist da eindeutig: prinzipiell schon. So heißt es auf der Homepage des DVNLP:

„Alles, was ein Mensch kann, ist erlernbar. Alles ist erreichbar, wenn die Aufgabe in hinreichend kleine Schritte unterteilt wird. Die gewohnheitsmäßige Abfolge von Denk- und Verhaltensvorschriften ist änderbar. Es kommt zur Flexibilisierung und zum Neulernen.“

Neben der ethischen Frage, was da für ein Menschenbild hintersteckt, wenn der Mensch „programmiert“ werden soll: sind die Annahmen überhaupt richtig, dass „alles erlernbar“ ist? Das gewohnte Verhaltensmuster immer änderbar sind?

So einfach ist es nicht. Jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch hat seine eigene Biographie, seine eigene Identität. Die sind nicht vom Himmel gefallen, sondern im Laufe eines Lebens gewachsen. Natürlich kann ein Mensch sich im Laufe seines Lebens ändern, aber nicht derart fundamental und radikal, wie der Dachverband des NLP dies suggeriert.

Das NLP geht davon aus, dass das menschliche Gehirn wie eine Festplatte funktioniert. Wenn es da einen Software-Fehler gibt, wird eine neue Software draufgespielt. Abgesehen davon, dass NLP damit dem Menschen keine größere Würde als die einer Festplatte zuspricht: das mit der neuen Software funktioniert nicht.

Und das ist auch gut so. Denn jeder Mensch hat seine eigene Identität und Würde, und die hat auch mit seiner Geschichte, seinen Stärken und Schwächen zu tun. An sich und seinen Schwächen zu arbeiten und in seinem Leben Veränderungen vorzunehmen: richtig. Aber alles auf den Kopf stellen zu wollen? Abgesehen davon, dass das gar nicht geht: kann man das wollen, seine Biographie auszulöschen?

Was passiert im NLP beim Re-Framing: die eigene Biographie wird aus einer neuen, positiven Perspektive betrachtet. Das ist gut und kann helfen. Aber es ist ein sehr schmaler Grat zwischen einer neuen Perspektive auf das eigene Leben, welche die Dinge positiver sieht und neue Möglichkeiten eröffnet, und einer Perspektive, die alles Negative auslöscht – was zum einen wenig Achtung vor der Biographie des Mandanten zeigt und zum anderen das Negative weiter arbeiten lässt.

Die Schwächen und Fehler gehören zum Menschen dazu. Man kann aus diesen Fehlern lernen, aber man kann nur dann aus ihnen lernen, wenn man sie erkannt und bearbeitet hat.

Es ist sehr schmaler Grat zwischen einem gelungenen Coaching, das positive Impulse setzen kann, und einem Coaching, dass den Menschen als neu zu programmierende Maschine sieht, aus der alle negativen Daten zu löschen sind. Ein sehr schmaler Grat, um den man wissen muss.

Wenn der Anspruch erhoben wird, „alles“ umprogrammieren zu können: was passiert, wenn das nicht klappt? Der Schuldige ist automatisch der Mandant, weil er es nicht kapiert oder nicht kapieren will. Was bei Menschen, die eh unter Versagensängsten leiden, durchaus verheerende Konsequenzen haben kann.

Würde des Menschen

Diese Problematik ist nicht nur beim NLP gegeben, sondern ein Grundproblem heutigen Coachings. Um nicht missverstanden zu werden: es gibt viele gute Coaches, die im Sinne ihrer Mandanten arbeiten, von der Würde des Menschen zutiefst überzeugt sind und alles dafür tun, dass es dem Mandanten gut oder wieder besser geht.

Aber eine Grundgefahr schwingt immer mit und auf die muss man aufpassen: den Menschen, so wie er ist, ernst zu nehmen. Anzuerkennen, dass die eigene Methodik – welche es auch immer sei – ihre Grenzen hat.

Und vor allem: dass auch durch noch so viel Motivation und noch so viel gedankliche Anstrengung nicht immer alles beim Menschen möglich ist.

Probleme haben zumeist Ursachen. Die kann man nicht wegdenken. Vielleicht verdrängen, aber auch nur vorübergehend. Sie bleiben und sie wirken weiter. Wegdenken ist nicht Bearbeiten.

Natürlich ist jeder dazu aufgerufen, immer wieder zu schauen, ob das eigene Leben für einen glücklich und sinnvoll ist und im Bedarfsfall auch zu schauen, was man an sich ändern muss. Ein Leben bleibt nie stehen, sondern entwickelt sich weiter.

Trotzdem hat dieses Leben auch an sich einen Wert. Ob es jetzt mit großen Fähigkeiten gesegnet ist oder nicht. Ob man sich verändern kann oder nicht.

Wahrnehmung und Wirklichkeit

Das NLP und viele andere Coaching-Methoden formulieren die These, dass die Wahrnehmung und die sprachliche Verarbeitung der Wirklichkeit die Wirklichkeit ändert.

Das ist teilweise korrekt. Wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen, entscheidet darüber, wie wir sind.

Aber eben nicht vollständig:

weder ist die Wirklichkeit vollständig wahrnehmbar, noch vollständig beherrschbar,

noch ist der Mensch in der Lage, seine eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit oder sein Denken vollständig zu kontrollieren,

noch ist der Mensch in der Lage, durch seine Wahrnehmung oder sein Denken sich selbst vollständig zu kontrollieren.

Neutralität?

Das Coaching formuliert immer wieder den Anspruch, neutral zu sein.

Diese Neutralität gibt es nicht und es kann sie nicht geben.

Weil jede Methode und allgemein jeder Umgang mit einem anderen Menschen (und das ist Coaching) nie ganz neutral sein kann, sondern immer von bestimmten Voraussetzungen lebt: unter anderem von dem Bild, das ich vom Menschen an sich habe.

Und hier gibt es in Teilen der Coaching-Praxis Dinge, die ethisch sehr bedenklich sind und das Bild eines Menschen zeichnen, der letztlich als programmierbare Maschine gesehen wird, ohne Rücksicht auf seine Biographie, auf seine Fähigkeiten, auf seine Stärken und Schwächen, auf seine Identität. Und damit auf seine Würde. Diese Dinge sind leider nicht selten und sie entsprechen – wie beim NLP – auch der Ideologie, die hinter einer Methode steckt.

Was ist der Mensch?

Dieses Bild des Menschen, das die Grundlage vieler Coachings liefert, ist auch das Bild, dass sich das Unternehmen vom Mitarbeiter wünscht: arbeiten wie eine Maschine, verlässlich, effizient, allen Herausforderungen gewachsen, auf alle gewünschten Fähigkeiten trainierbar.

Viele Coaches und viele Coaching-Methoden versprechen eine solche „Programmierung“ des Mitarbeiters, und viele Unternehmen schätzen genau aus diesem Grunde solche Coaching-Prozesse.

Damit ist klar, dass das ethische Problem des Coachings letztlich ein gesellschaftliches Problem ist: Was für einen Menschen wollen wir haben? Wie soll der aussehen? Wird der Mensch auf seine Funktionalität hin und über seine Fähigkeiten definiert oder über etwas anderes?

Dies sind die großen Fragen unserer Gesellschaft. Aber es sollten auch die Fragen eines Coaches sein.

Christliche Werte in moderner Unternehmenskultur

Digitalisierung, Arbeit 4.0, VUCA und Agilität sind die großen Stichworte des neuen Arbeitslebens. Sie alle stehen für tiefgreifende Veränderungen, die auf die Unternehmen zukommen. Diese Veränderungen müssen von den Unternehmen zum einen inhaltlich gefüllt werden, zum anderen erfordern sie eine neue Selbstreflexion darüber, was denn die Basis und was die Identität des eigenen Unternehmens ist.

Erst eine Kenntnis dieser eigenen Basis erlaubt erfolgreiche und tragfähige Veränderungen. Diese Basis besteht nicht nur aus den Produkten und den äußeren Strukturen des Unternehmens, sondern auch aus seiner Unternehmenskultur und aus den Werten, die im Unternehmen gelebt werden.

Erst eine Kenntnis dieser eigenen Basis erlaubt erfolgreiche und tragfähige Veränderungen. Diese Basis besteht nicht nur aus den Produkten und den äußeren Strukturen des Unternehmens, sondern auch aus seiner Unternehmenskultur und aus den Werten, die im Unternehmen gelebt werden.

Das Christentum verfügt über ein Wertesystem, das seit 2000 Jahren die moralische Grundlage der europäischen Kultur darstellt und auch heute prägend sein kann für die moralische Gestaltung der Unternehmenskultur, insbesondere des Leitungs- und Führungsverhaltens in den Unternehmen.

Unternehmen und insbesondere Führungskräfte in den Unternehmen müssen klären, wie sie zukünftig arbeiten und leben wollen. Hier kann das christliche Wertesystem auch heute wichtige Impulse setzen. Veränderungen setzen eine Basis voraus, auf der sie stattfinden können. Diese Basis können die christlichen Werte sein.

Hierbei ist wichtig: es geht weniger um die ethische Praxis der Kirche, die ja leider immer wieder in die Schlagzeilen kommt. Es geht vielmehr um das Wertegerüst, das das Christentum hervorgebracht hat und das zur DNA der europäischen Kultur und Ethik gehört. Hier liegen durchaus Schätze, die man wieder neu entdecken kann.

Werte

Das Christentum spricht ganz fundamental von der „Nächstenliebe“, die einen Grundwert darstellt. Die Aufforderung Jesu, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist sicherlich der Kern der christlichen Botschaft, das Markenzeichen des Christentums schlechthin. Dieser christliche Grundauftrag hat wichtige Konsequenzen für verschiedene Felder beruflichen und unternehmerischen Lebens.

1.) Respekt

Ganz grundsätzlich geht es erst einmal darum, dem Mitmenschen respektvoll gegenüberzutreten. Jeder Mensch – so die christliche Lehre – ist von Gott geschaffen und deshalb mit einer unverlierbaren Würde ausgestattet. Unabhängig davon, ob man den religiösen Glauben an einen Gott teilt, ist hier ein wichtiges Fundament, jedem Mensch einen Wert und eine Würde zuzuschreiben. Dies bedeutet, den Mitmenschen auch entsprechend gegenüberzutreten und sie so zu behandeln.

Ein Mitarbeiter soll Leistung bringen, aber er wird nicht nur über Leistung definiert. Man soll an seinen Fehlern und Schwächen arbeiten, aber man wird durch Fehler und Schwächen kein Mensch 2. Klasse. Das Gegenüber spürt, ob man ihn als Menschen respektiert oder ob man in ihm nur eine funktionierende Nummer sieht. Dieser Unterschied ist wesentlich für ein dauerhaftes Miteinander.

2.) Verantwortung

Den Mitmenschen nicht nur über seine Leistung zu definieren, sondern über seine unverlierbare Würde, beinhaltet auch eine bestimmte fürsorgende Haltung, eine Haltung, die darum weiß, für das Leben des anderen eine bestimmte Verantwortung zu besitzen. Dies bedeutet ausdrücklich nicht, dass jemand nicht in erster Linie für sein eigenes Leben verantwortlich ist. Trotzdem besitzt man auch eine Verantwortung für das Leben der Menschen, mit denen man zusammen lebt und arbeitet. Überall da, wo es ein Miteinander gibt, sind beide Seiten auch für dieses Miteinander verantwortlich. Dies gilt besonders dann, wenn es irgendeine Form von Abhängigkeiten gibt, etwa die Abhängigkeit des Angestellten von seinem Vorgesetzten. Hier ist der Vorgesetzte in besonderer Weise dazu aufgefordert, sich seiner Verantwortung für den Mitarbeiter bewusst zu sein. Eine solche abhängige und somit nicht gleichberechtigte Beziehung erfordert auch entsprechendes verantwortungsvolles Verhalten.

3.) Vertrauen

Das Wissen um die Würde des Mitmenschen erfordert nicht nur Fürsorge und Mitverantwortung, sondern auch Vertrauen in seine Fähigkeiten. Der Mitmensch hat einen Vertrauensvorschuss verdient und hat nur so die Möglichkeit, seine Fähigkeiten frei zu entfalten. Die gegenteilige Haltung würde Misstrauen und Kontrolle hervorbringen. Natürlich darf nicht vollständig auf Kontrollmechanismen verzichtet werden, dennoch ist es offensichtlich, dass zuviel Kontrolle jede Art von Eigeninitiative abwürgt. Gerade in Zeiten, in denen in den Unternehmen Flexibilität und Agilität gefordert sind, muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass diese Faktoren eine große Freiheit der Mitarbeiter und damit großes Vertrauen seitens der Leitungsebene erfordern.

3.) Soziales Engagement

Das soziale Engagement, der Wille, armen und notleidenden Menschen zu helfen, ist seit jeher das Aushängeschild des Christentums. Selbst vor 2000 Jahren, als das Christentum von den Römern verfolgt wurde, waren viele Zeitgenossen beeindruckt von der Hilfsbereitschaft, mit sich die christlichen Gemeinden um die gekümmert haben, die hilfsbedürftig waren. Sich an christlichen Werten zu orientieren, soll auch ein nach außen sichtbares Handeln hervorbringen, in dem deutlich wird, dass es einem Unternehmen nicht nur um eigenen Profit geht, sondern auch um eine soziale Verantwortung und um Mitgestaltung der Gesellschaft.

4.) Ehrlichkeit

Ehrlichkeit beinhaltet ganz verschiedene Aspekte: zum einen den Willen, die Wahrheit zu sagen und nach außen ehrlich zu sein. Erst einmal geht es aber darum, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein: die eigenen Stärken und Schwächen realistisch einzuschätzen und sich diesen Stärken und Schwächen entsprechend zu verhalten. Authentizität ist anders nicht erreichbar. Wenn es darum geht, ein Profil und eine Identität glaubwürdig nach außen weitergeben zu können, müssen sie erst einmal ehrlich gegenüber sich selbst erarbeitet und erkannt werden.

5.) Demut

Demut darf nicht verwechselt werden mit Unterwerfung oder mit einem irgendwie anbiederndem Verhalten. Bei der Demut geht es fundamental darum, sich selbst und die eigenen Anliegen nicht zum Mittelpunkt der Welt zu machen. Man selbst ist nicht alles, was zählt. Man macht Fehler und ist nicht allwissend. Die christliche Tradition spricht von Demut, wenn es darum geht, dass man sich selbst gegenüber Gott klein machen soll. Unabhängig von dieser religiösen Komponente weist die Demut darauf hin, dass es Situationen gibt, in denen man gegenüber dem Unternehmen und dem Mitarbeiter auch zurückstehen muss. Dabei geht es nicht darum, sich vom Unternehmen ausbeuten oder vom Mitarbeiter ausnutzen zu lassen, sondern darum, für sich eine Haltung zu gewinnen, die nicht nur dem eigenen, sondern auch dem Anliegen des Anderen Raum lässt.

6.) Vergebung

Jeder Mensch macht Fehler. Die Frage ist, wie man mit Fehlern umgeht: sowohl mit den eigenen Fehlern, als auch mit den Fehlern der anderen. Die christliche Tradition spricht hier von Vergebung. Vergebung meint nicht, alles hinzunehmen und zu akzeptieren, was einem von den Mitmenschen angetan wird. Die christliche Tradition fügt hier hinzu, dass der Vergebung Reue vorausgehen muss. Es geht also nicht darum, immer alles zu verzeihen, sondern da Vergebung zu gewähren, wo der Mitmensch seine Fehler erkannt hat und ihm diese Fehler ehrlich leid tun. Auch das Miteinander im Arbeitsleben und im Unternehmen ist auf solche „Vergebung“ angewiesen, auf solche Punkte, bei denen man wieder bei Null startet und die alten Geschichten, die die Gegenwart belasten, beiseite schiebt.

7. Mensch im Mittelpunkt

Gegenüber den zahllosen religiösen Gesetzen und Geboten seiner Zeit hat Jesus die Haltung gesetzt: Nicht der Mensch ist für das Gesetz da, sondern das Gesetz für den Menschen. Da, wo das Gesetz zum Hindernis des Menschseins wird, ist es nicht legitim. Es soll dem Menschen helfen. Dies gilt auch heute für Vorschriften, Regeln und Gesetze, die oft auch das Miteinander im Unternehmen eher belasten und befördern. Gerade von Führungskräften wird hier ein entsprechendes Augenmaß verlangt, darum zu wissen, wann eine Vorschrift gegenüber der menschlichen Situation zurückstehen muss und wann nicht. Vorschriften und Regeln sind notwendig, um das Zusammen von Menschen zu regeln und irgendwie kontrollierbar zu machen.

Dennoch muss man darum wissen, dass auch diese Vorschriften und Regeln ihre Grenzen haben, und diese zu erkennen, erfordert Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Eine Vorschrift ist kein Selbstzweck, sondern dient einem bestimmten Anliegen. Um dieses geht es, nicht um den Wortlaut der Vorschrift.

Fazit:

Das Christentum verfügt über einen seit 2.000 Jahren gewachsenen Wertekanon, der das menschliche Zusammenleben auf eine moralische Grundlage stellt und der auch heute für die Gestaltung einer gelebten Unternehmensethik wichtige Impulse bieten kann.

Noch einmal sei darauf hingewiesen, dass es nicht um die ethische Praxis der Kirchen geht, sondern um den Wertekanon, der dem Christentum zugrundeliegt (und an dem das Christentum leider selbst oft scheitert) und der – ob man will oder nicht – zur DNA der europäischen Kultur gehört. Ein neues Nachdenken über die christlichen Werte ist daher ein Entdecken der eigenen kulturellen Wurzeln, was gerade in Zeiten wichtig ist, in denen alles durcheinander zu geraten scheint und man vor Digitalisierung, Agilität und VUCA nicht mehr weiß, woher man kommt und wohin man will.

Kirche und Missbrauch

Es ist ein Sommer-Abend in Berlin. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs hat zu einem öffentlichen Hearing geladen.

Der Abend verläuft zuerst ganz friedlich, dann erhebt sich ein Herr und es platzt aus ihm heraus: „Ihr habt mein Leben zerstört!“

Er erzählt seine Geschichte. Von seinem Leben in einem Kinderheim der Niederbronner Schwestern in Oberammergau. Wie Schwester R. ihn im Keller einsperrte, seinen Kopf gegen die Wand stieß und ihm den Arm brach. Wie sie ihn dann zu sich ins Bett holte und er sie befriedigen musste. Wie Priester, die zu Besuch waren, ihn vergewaltigten. Als er zehn Jahre alt war. Die Übergriffe begannen, als er sieben war.

Nun ist er 55 Jahre alt. Psychisch ein Wrack. Er hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich und lebt von Hartz IV. Keiner der Täter wurde belangt.

Diese Horrorgeschichte, die leider kein Märchen, sondern brutale Realität ist, steht am Anfang dieses Blogs, damit klar wird, worum es eigentlich geht, wenn es heißt, dass es Tausende Missbrauchsfälle in der Kirche gab. Es sind Tausende Leben, die bis auf den Grund ruiniert sind, und viele Leben, die aus Verzweiflung vorzeitig beendet wurden.

Aufgrund meiner eigenen kirchlichen Biographie sei erwähnt, dass es mir nicht um einen Rachefeldzug gegen die Kirche geht. Ich fühle mich als Katholik und wünsche der Kirche, dass sie diese Krise übersteht. Aber um diese Krise zu überstehen, muss man eben auch einer Wahrheit ins Auge sehen, die anzusprechen man vielleicht eine gewisse Distanz braucht, die einem als ehemaliger Amtsträger etwas leichter fällt.

Die Aufklärung des Missbrauchs, 1. Versuch

Wie konnten diese Dinge geschehen? Wie konnte eine Kirche, die sich als heilig und heilbringend versteht, zu einem solchen Sumpf werden?

Dem versucht eine Studie auf den Grund zu gehen, deren Ergebnisse in der letzten Woche der Öffentlichkeit bekannt wurden. Alleine die Entstehungsgeschichte und Arbeitsweise dieser Studie verrät viel über den Aufklärungswillen der Kirche.

Zuerst war eine andere Studie geplant. 2011 hatte die Bischofskonferenz einstimmig den Beschluss gefasst, das „Kriminologische Forschungsinstitut Hannover“ mit einer Studie über den Kindesmissbrauch durch Priester zu beauftragen. Dieses Institut unter Leitung von Prof. Christian Pfeiffer gilt als bestes kriminologisches Institut Deutschlands. Im Jan. 2013 wurde der Vertrag durch die Bischofskonferenz gekündigt. Die Begründung: unüberbrückbare Differenzen, die vor allem damit zusammenhingen, dass die Bischofskonferenz nicht nur die Personalakten nicht herausgeben wollte, sondern auch bestimmen wollte, welche Ergebnisse überhaupt veröffentlicht werden.

Christian Pfeiffer (Quelle: www.spiegel.de)

Das Institut weigerte sich, den bestehenden Vertrag zu verändern. Das Ergebnis: Kündigung.

Die Tatsache, dass man einen Vertrag mit einem Institut kündigen muss, weil dieses auf Einhaltung wissenschaftlicher Standards besteht, war natürlich ein Desaster für die Bischofskonferenz, das nicht gerade dazu beitrug, die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass glaubwürdig ein Aufklärungswille vorhanden ist.

Die Aufklärung des Missbrauchs, 2. Versuch

Dann kam der neue Auftrag an die Autoren der aktuellen Studie. Hier galt von vornherein: Kein direkter Zugriff auf die kirchlichen Akten. Die Autoren der Studie mussten Fragebögen an die Bistümer einreichen, die diese dann beantwortet haben. Soweit sie denn kooperieren wollten.

So stellten die Autoren fest, dass „sich eindeutige Hinweise auf Aktenmanipulationen“ gefunden hätten. Mehrere Bistümer, so heißt es weiter, haben „Akten- oder Aktenbestandteile mit Bezug auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger in früherer Zeit vernichtet“.

In Zahlen: es gibt 27 deutsche Bistümer. Zwei Bistümer gaben an, dass Akten bereits in früheren Zeiten vernichtet worden sind, 13 Bistümer konnten solche Vernichtungen nicht ausschließen. Außen vor blieben sämtliche Ordenseinrichtungen, die allerdings über sehr viele Heime und Internate verfügen. Alleine im Kloster Ettal sind knapp 100 Fälle publik geworden.

Der Missbrauchsbeauftragte der DBK: Bischof Ackermann (Quelle: www.katholisch.de)

Zusammenfassend lässt sich sagen: die aktuelle Studie genügt zum einen nicht den wissenschaftlichen Kriterien der Neutralität, da der Täter, der untersucht wurde, die Informationen kontrollierte, die verarbeitet wurden. Zum anderen sind entscheidende Bereiche, in denen Missbrauch nachweislich passierte, völlig außen vor geblieben.

Vor diesem Hintergrund muss man die aktuell veröffentlichten Zahlen zur Kenntnis nehmen, die erschreckend groß sind, aber wohl nur ein Bruchteil der realen Zahlen:

Zwischen 1946 und 2014 sind 1670 Kleriker in Deutschland als Täter kirchlich aktenkundig geworden. 3677 Kinder und Jugendliche sind als mutmaßlichen Opfer erwähnt. Wie viele sind nicht erwähnt?

Um diese Zahlen einzuordnen: 2011 wurde in den wesentlich kleineren und weniger katholischen Niederlanden eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gegeben, die eine Opferzahl von knapp 20.000 Kindern und Jugendlichen ermittelte.

Diese Problematik ist nicht nur in der deutschen oder niederländischen Kirche vorhanden, sondern ein weltweites Problem (bis in den Vatikan hinein, dessen Nr. 3, Kardinal Pell, gerade in Australien auf der Anklagebank sitzt). Untersuchungen aus verschiedenen Ländern zeichnen alle das gleiche erschreckende Bild: massiver Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und anschließende Vertuschung durch kirchliche Stellen bis in die höchsten Ebenen hinein.

Die Fundamente

Der massive Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche hat das Potential, die Kirche in ihren Fundamenten zu erschüttern, da es an zwei Grundpfeiler rührt, auf denen die Kirche in ihrer Lehre steht: an der Sexualmoral und am Amtsverständnis.

Quelle: www.zeit.de

Um die Tragweite noch einmal zu begründen: Laut Studie sind in den letzten Jahrzehnten mindestens (!) 5,1% der Diözesanpriester als Missbrauchstäter auffällig geworden. Das ist mindestens jeder 20. Priester.

Diese Quote ist um ein Vielfaches höher als diejenige, die von Forschern für die Normalbevölkerung veranschlagt wird.

Wenn die Quote innerhalb der Priesterschaft derart höher ist als in der Normalbevölkerung, dann ist eines nicht zu leugnen: es ist kein Zufall, sondern hat Gründe. Man muss als Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass sowohl die sexuelle Lebensform der Priester als auch die Machtstruktur der Kirche dafür verantwortlich sind, dass Missbrauch in diesem Ausmaß passiert.

Sexualmoral

Psychologen wie Wunibald Müller, der seit Jahrzehnten deutschlandweit Priester psychologisch betreutet, gehen davon aus, dass 20-30% der Priester homosexuell veranlagt sind. Eine ähnlich hohe Quote lebt vermutlich in einer heterosexuellen Beziehung. Dazu die überdurchschnittlich hohe Quote von Missbrauchsfällen.

All dies zeigt: die Unterdrückung von Sexualität bzw. die offizielle Geringschätzung von Sexualität (die auf den ehelichen Zeugungsakt reduziert werden soll), funktioniert nicht und führt entweder zu einem verborgenen Zweitleben der Priester oder gar zu verbrecherischen Handlungen an Schutzbefohlenen.

Machtstruktur

Hier gilt es zwei Aspekte zu beachten: zum einen die Macht des Priesters in seiner Gemeinde oder in seinem Umfeld. Dieses Faktum war sicherlich in früheren Jahrzehnten deutlicher als heutzutage: der Priester ist eine Vertrauensperson und das, was er macht, ist erst einmal richtig und „heilbringend“. Jahrzehntelang konnten Kinder missbraucht werden, weil sie den Priestern oder Ordensleuten vertraut waren und nicht auf die Idee kamen, dass diese Menschen auch zu Verbrechern werden können. Dies ging soweit, dass Eltern oft ihren Kindern nicht geglaubt haben, wenn diese von derartigen Dingen erzählten.

Quelle: www. tagesspiegel

Der zweite Aspekt betrifft die Machtstruktur der Kirche als Ganzer. Jede Macht, die nicht kontrolliert wird, entgleitet. Deshalb gibt es in der Demokratie die Gewaltenteilung.

In der Kirche gibt es eine solche Gewaltenteilung nicht und deshalb hat sich eine klerikale Machtstruktur herausgebildet, die von außen geradezu unangreifbar ist. Diese Unangreifbarkeit kann in bestimmten Situationen sogar Vorteile bieten – man denke etwa an die Herausbildung sehr widerstandsfähiger Strukturen der Kirche in Diktaturen oder in kommunistischen Ländern des Ostblocks.

Es gibt aber auch eine Schattenseite dieser Unangreifbarkeit, die dann zutrage tritt, wenn es darum geht, Versagen von Teilen der Machtstruktur aufzuklären. Es kommt zu Vertuschungen, Priester werden nur versetzt, aber nicht gefeuert, Anschuldigungen zum Missbrauch werden als „bloßes Geschwätz“ abgetan, Bischöfe werden öffentlich von Stellen des Vatikans gelobt, wenn sie nicht mit der Staatsanwaltschaft kooperieren, Opfer werden wie Störenfriede behandelt.

Was ist zu tun?

Die Kirche wird sehr massiv an sich arbeiten müssen, um diese Krise zu überstehen. Als erstes muss sie sich klarmachen, dass diese Krise nicht zufällig in ihr passierte, sondern aufgrund ihrer Sexualmoral und ihrer eigenen Struktur eine logische Konsequenz war.

Die Kombination einer Sexualmoral, die viele überfordert, und einer Machtstruktur, die nach außen intransparent ist, weil sie nicht nach außen verantwortlich ist, muss dazu führen, dass 1. massive Verstösse gegen die Sexualmoral passieren, die dann 2. in nicht angemessener Weise intern aufgearbeit werden.

Quelle: www.zeit.de

So, wie die Kirche leibt und lebt, mussten diese Dinge passieren. Dieser brutalen Wahrheit muss sich die Kirche stellen und kann dann erst effektiv und vor allem glaubwürdig einen Neuanfang machen.

Eine Nichtbearbeitung dieser Strukturen führt nicht nur dazu, keine Glaubwürdigkeit herzustellen, sondern – viel schlimmer – dazu, dass die Missbrauchsfälle weitergehen. Der massive Missbrauch ist nicht nur eine Vergangenheitsbewältung, sondern auch eine Gegenwartsbewältigung, denn in den aktuellen Strukturen muss der Missbrauch weitergehen. Es braucht nicht nur einen reumütigen Blick nach hinten, sondern einen ethischen und strukturellen Neuanfang.

Damit dieser Neuanfang gelingt, braucht es eine andere Haltung als bisher: nämlich die Haltung, die aus dem Wissen erwächst, dass man Fehler macht und man auch als Kirche Schuld auf sich laden kann.

In dieser Haltung können glaubwürdig die Dinge erfolgen, die bitter nötig sind: ein Nachdenken über die Sexualmoral, ein Nachdenken über die Lebensform der Priester, die eigenen klerikalen Machtstrukturen, eine umfassende Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, ein angemessener Umgang mit den Opfern, der Wille, mit der Staatsanwaltschaft und mit neutralen Stellen zusammenzuarbeiten, die Entfernung von Tätern aus den eigenen Reihen usw.

Es sind viele Kleinigkeiten, aber auch die großen, grundsätzlichen Dinge, mit denen die Kirche Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückgewinnen muss. Dies ist aber notwendig, weil dieser riesige Skandal, schutzbefohlene Kinder und Jugendliche durch eigene Amtsträger missbraucht zu haben, nicht verziehen werden wird.

Es ist eine urchristliche Lehre: Vergebung nur nach glaubwürdiger Reue. Hier liegt die große Aufgabe der Kirche. Und Reue heißt auch: Handeln.